Fensterln

Alter Brauch, der es jungen Menschen ermöglichte, sich trotz strenger Eltern näher zu kommen

Ursprung und Entwicklung

Wenn sich in der Vergangenheit zwei junge Leute ein wenig vergnügen wollten, war dies oft nicht so einfach. Aufgrund des bis 1969 geltenden Kuppelparagraphen lehnten es viele Eltern bzw. Arbeitgeber (z.B. Bauersfamilie einer Magd) ab, dass die Tochter bzw. die Angestellte mit einem Burschen für längere Zeit alleine war. Denn nach diesem Gesetz war es verboten und damit auch strafbar, jemandem Gelegenheit zur Unzucht zu verschaffen. Daher versuchte der verliebte Bursche auf heimliche Art und Weise, notfalls auch mit Hilfe einer Leiter, bei seinem Mädchen durch das Schlafzimmerfenster einzusteigen. Wurde der unerwünschte "Eindringling" dennoch bemerkt, musste er möglichst schnell wieder flüchten. Äußerst gemein war es dann, wenn der Vater oder ein möglicher Nebenbuhler die Leiter entfernt oder verstellt hatte und der Flüchtling aus dem Fenster springen musste. Nicht selten hat ein ertappter "Fensterler" kleinere oder gar größere Blessuren davon getragen. Eine andere Schwierigkeit war, das richtige Fenster zu finden. Verwechslungen galt es möglichst zu vermeiden. Was passiert ist, wenn in das falsche Zimmer eingestiegen wurde, bleibt besser der Fantasie überlassen.

Da sich in der heutigen Zeit junge und unverheiratete Liebespaare unbefangen in der Öffentlichkeit zeigen können und die elterlichen Verbote sowie die ländlichen Sitten nicht mehr so streng sind, wird das Fensterln heute nur noch sehr selten und dann in den meisten Fällen auch nur noch aus Spaß betrieben. Der Brauch des Fensterlns wurde hauptsächlich in Süddeutschland, in Österreich und in manchen Kantonen der Schweiz praktiziert. Heutzutage ist das Fensterln in Bayern kaum noch verbreitet, außer es sind sehr traditionelle und strenge Eltern im Spiel oder es handelt es sich um einen Seitensprung. Allerdings ist auch hier die Emanzipation der Frauen mittlerweile so weit fortgeschritten, dass auch sie zur Leiter greifen. In einigen nördlicheren Regionen wird Fensterln inzwischen als Hausfriedensbruch geahndet. Das Amtsgericht Frankfurt am Main verkündete, dass Fensterln in Hessen kein kulturelles Erbe, sondern schlichtweg Hausfriedensbruch sei, der sogar eine fristlose Kündigung des Mietverhältnisses begründet (Urteil des AG Frankfurt a. M. 33 C 2982/99-67).